Interview mit Aslihan Gebhart, Bauingenieurin
WIT: Hallo, Aslihan, Bitte erzähle uns doch einmal kurz von dir persönlich
Aslihan: Ich bin Aslihan Gebhart, ich bin als Tochter türkischer Einwanderer aufgewachsen und lebe mit meiner Familie und unseren drei Töchtern in München. Mir ist wichtig, meine Karriere und mein Familienleben gut zu vereinbaren und eine gute Balance zwischen meinen Wünschen und Bedürfnissen und den täglichen Anforderungen zu finden, um zufrieden und leistungsfähig zu bleiben.
WIT: Was machst du beruflich?
Aslihan: Ich habe Bauingenieurwesen an der TU München studiert und war vierzehn Jahre für einen Baukonzern als Bauleiterin, Projektleiterin und Vertragsmanagerin im In- und Ausland unterwegs, bis ich 2020 zur Deutschen Bahn gewechselt bin. Dort war ich Leiterin der Bauüberwachung für einen Bauabschnitt beim Großprojekt 2. S-Bahn Stammstrecke in München. Seit Oktober 2023 bin ich Leiterin der Generalsanierung Obertraubling – Passau bei der Deutschen Bahn.
WIT: Was genau versteckt sich hinter deiner Berufsbezeichnung?
Aslihan: In meinem Job bin ich zusammen mit meinem Team für das Bauprojektmanagement verantwortlich, das bedeutet, Bauprojekte zu planen, zu steuern und erfolgreich umzusetzen. Bei der Generalsanierung Obertraubling – Passau geht es um die umfassende Modernisierung der bestehenden Bahnstrecke. Meine Aufgaben umfassen die gesamte Projektkoordination, die Überwachung von Zeitplänen, Budget und Qualität sowie die Zusammenarbeit mit unterschiedlichsten Akteuren wie Ingenieuren, Baufirmen, Behörden und internen Fachabteilungen, um die Strecke langfristig leistungsfähig und sicher zu gestalten.
WIT: Wie bist du dazu gekommen, einen technischen Beruf zu wählen?
Aslihan: Für viele Einwandererfamilien bedeutet Bildung sozialer Aufstieg, Top 3 Berufe dafür waren Ingenieur:in, Ärzt:in oder Jurist:in. Verantwortung zu übernehmen, war ich als älteste Tochter gewohnt, außerdem haben mir Organisation, gute Strukturen, die Zuverlässigkeit von Logik und technische Fächer immer schon Spaß gemacht. In einem Berufstest in der Schule wurde mir Bauingenieurwesen empfohlen. Das hat inhaltlich sehr interessant geklungen und damit fiel die Entscheidung für mein Studium.
WIT: Wer oder was hat dich am meisten inspiriert, einen technischen Beruf zu wählen?
Aslihan: Es ist bei mir weniger etwas Konkretes oder eine Person, die mich dazu inspiriert hat, einen technischen Beruf zu wählen, sondern eher das Fehlen von vermeintlichen Barrieren. Ich bin nicht mit einer Zuordnung von Berufen nach Geschlechtern aufgewachsen, also hatte ich nie das Gefühl, ich könnte, dürfte oder sollte keinen technischen Beruf machen.
WIT: Hat dich Technologie und/oder Programmieren schon immer interessiert?
Aslihan: Technologie hat mich immer fasziniert, vor allem als Mittel, um Probleme zu lösen und unsere Ziele effizienter zu erreichen. Ich interessiere mich besonders für Entwicklungen, die das Leben der Menschen erleichtern und verbessern – und das geht für mich Hand in Hand mit den Fortschritten in der Technologie. Besonders die Entwicklung der KI finde ich momentan sehr spannend, da sie auch meinen Arbeitsalltag in der Infrastruktur unterstützt. Mit Infrastrukturprojekten trage ich dazu bei, die Mobilität der Gesellschaft zu verbessern. Die Kombination aus Innovation und praktischer Anwendung lässt mich neugierig auf technologische Entwicklungen bleiben.
WIT: Haben deine Eltern und Lehrer deine Vorliebe und dein Interesse für Technik gefördert?
Aslihan: Meine Eltern haben mich dadurch gefördert, indem sie mich nicht eingeschränkt haben und mich während meiner Schulzeit und meines Studiums und auch heute noch unterstützt und mich in meinen Entscheidungen und Zielen bestärkt haben.
WIT: Was gefällt dir an deiner Tätigkeit am meisten?
Aslihan: Mir gefällt, dass ich als Bauingenieurin eigenverantwortlich gestalten kann, durch meine Projekte etwas Sinnstiftendes für die Gesellschaft und ihr Gemeinwohl tun kann. Und für mich persönlich ist es immer wieder ein Highlight bei einem Bauwerk vorbeikommen und sagen zu können, das habe ich gebaut – natürlich mit vielen anderen. Besser kann man doch kaum Spuren hinterlassen 😉
WIT: Was ist für dich das Schönste an deinem Arbeitsalltag?
Aslihan: Herausforderungen zu überwinden, Leidenschaft in meinem Team zu wecken und gemeinsam unsere Ziele zu erreichen. Neue Verbindung zu knüpfen. Dazu zu lernen und mich täglich weiter zu entwickeln.
WIT: Wo findet man dich in der Freizeit am ehesten?
Aslihan: Ich schätze den sportlichen und kulturellen Ausgleich zum Alltag sehr, deshalb beim Laufen, beim Yoga, im Kino, auf Konzerten, im Restaurant oder Kulturveranstaltungen mit Freund:innen. Und natürlich bei Aktivitäten mit meiner Familie.
WIT: Welche Botschaft möchtest du Frauen oder Mädchen mitgeben, die sich für Technik interessieren?
Aslihan: Einfach machen. Seid bereit, Euer Bestes zu geben.
Traut Euch, es gibt nichts, das Ihr nicht könnt, weil es andere sagen.
WIT: Welchen Ratschlag verfolgst du bis heute?
Aslihan: Ich mag ein Zitat von Nelson Mandela sehr gern:
Ich verliere nie! Entweder ich gewinne oder ich lerne.
Aus jedem vermeintlichen Rückschlag nimmt man etwas mit und entwickelt sich weiter.
WIT: Welchen Herausforderungen begegnest du speziell als Frau in deinem Beruf?
Aslihan: Natürlich wird man als Frau in einer männerdominierten Branche immer wieder mal gechallenged. Davon darf man sich nicht beirren lassen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich diese Vorurteile legen, wenn man seine Sache gut macht und die Leistung bringt. Dennoch ist das erst mal eine Hürde, die genommen werden muss, weil man sich als Frau doch immer erst beweisen muss.
WIT: Welche Tipps hast du für Bewerbungsgespräche für technische Positionen?
Aslihan: Verkauft Euch nicht unter Wert. Zeigt, worauf Ihr fachlich und menschlich zurückgreifen könnt. Was ist Euer Mehrwert für das Unternehmen in dieser Position? Frauen neigen manchmal dazu, zu tief zu stapeln. Eine gute und gesunde Selbsteinschätzung finde ich wichtig.
WIT: Frauen in technischen Berufen sind ja leider noch eine Minderheit. Was sind deine Gedanken zu diesem Thema?
Aslihan: Es werden immer mehr, aber noch sind es nicht genug, gerade angesichts des Fachkräftemangels. Vorbilder müssen sichtbarer gemacht werden, damit es selbstverständlich für junge Frauen wird, technische Berufe zu ergreifen. Dabei ist es auch ganz wichtig, dass nicht nur Frauen von Frauen gefördert und unterstützt werden, sondern auch von Männern z.B. in Netzwerken oder Mentoring Programmen. Gesellschaftlicher Wandel funktioniert nur mit allen gemeinsam an Bord.
WIT: Was verbindet dich mit Frauen in der Technik?
Aslihan: Frauen in der Technik erfahre ich oft als echte Macherinnen, die etwas bewegen wollen. Wir haben dieselben Herausforderungen, man erkennt sich wieder, auch wenn man sich zum ersten Mal trifft.
WIT: Bitte beschreibe eine herausfordernde Situation, der du in deinem Beruf in der Vergangenheit begegnet bist.
Aslihan: Eine herausfordernde Situation, die mir in meiner beruflichen Laufbahn begegnet ist, war eine meiner ersten Erfahrungen mit Vorurteilen gegenüber einer Frau auf der Baustelle. Als junge Bauleiterin im Ausland wurde mir vom Projektleiter des Auftraggebers nicht zugetraut, dass ich das Kraftwerksprojekt leiten könnte. Er forderte sogar eine Umorganisation der Bauleitung von meinem Unternehmen. Im Laufe des Projekts konnte ich mich jedoch so etablieren, dass meine Leistung schließlich vom besagten Projektleiter positiv hervorgehoben wurde. Obwohl ich den Rückhalt meines Unternehmens und meiner Führungskräfte hatte und seine Meinung nicht entscheidend war, hat es mich dennoch sehr gefreut, dass ich mich letztlich durchsetzen konnte.
WIT: Wohin möchtest du dich zeitnah beruflich und persönlich weiter entwickeln?
Aslihan: Beruflich möchte ich weiterhin beim Bauen und in der Infrastrukturbranche bleiben und mich dort auch weiterentwickeln. Persönlich möchte ich mich weiterhin für meine Herzens Themen Vereinbarkeit von Familie und Karriere, Empowerment für Frauen in Führung und Women in Tech, Diversität, Gleichberechtigung und Chancengerechtigkeit einsetzen.
WIT: Wer sind deine persönlichen oder beruflichen Role Models?
Aslihan: Persönlich würde ich nicht ein Vorbild nennen, denn es gibt so viele, die mich mit ihren Facetten inspirieren. Mich beeindruckt es, wenn jemand eine klare Haltung hat und Werte vertritt, mutig vorangeht, obwohl es nicht einfach wird oder wenn jemand sich durch Leistung weiterentwickelt und Ziele erreicht hat. Beruflich hatte ich gerade in meinen Anfangsjahren sehr gute Führungskräfte, die mich geprägt haben und mir heute noch Vorbild sind.
Vielen Dank für das Interview, Aslihan!